Den Umbau planen, ohne sich selbst dabei zum Patienten zu erklären
Bäder ohne Schwelle, Türen ohne Anschlag, Lichtschalter in Hüfthöhe — drei Eingriffe, die in jedem Wohnzimmer Sinn ergeben. Notiz aus einer Münchner Altbauwohnung.
In einer Münchner Altbauwohnung, drittes Obergeschoss, Stuck, ein Fenster zum Hof, in dem im April die Kastanie ausschlägt, sitzt eine Frau in den frühen Siebzigern am Küchentisch und sortiert Prospekte. Sanitärfirmen, eine Schreinerei aus Pasing, das Faltblatt einer Beratungsstelle. Auf dem Stapel liegt das Wort, das sie nicht mag: seniorengerecht. Sie schiebt das Faltblatt zur Seite. Es ist nicht das Bad, das sie als Patientin behandelt — es ist das Vokabular der Broschüren.
Wer in einer Wohnung lebt, in der er bleiben möchte, kennt diese leise Abwehr. Der Umbau, der irgendwann ansteht, wird in der Regel als medizinische Maßnahme verkauft: Sturzprävention, Barrierefreiheit, altersgerechtes Wohnen. Die Begriffe sind nicht falsch, aber sie verfehlen den Punkt. Denn die meisten der baulichen Eingriffe, um die es geht, sind keine Konzessionen an die Gebrechlichkeit — sie sind schlicht gutes Design. Ein Architekt, der heute ein Bad neu plant, plant es ohne Schwelle. Ein Lichtschalter, der in Hüfthöhe sitzt, ist auch für ein zweijähriges Kind angenehm. Türen, die sich ohne Anschlag bewegen, sind eine alte Forderung der Moderne, lange bevor die Pflegekasse sie subventionierte.
Es lohnt sich, drei Eingriffe konkret durchzugehen — nicht weil sie eine vollständige Liste wären, sondern weil sich an ihnen zeigt, wie sich die Frage stellen lässt, ohne in das klinische Register zu verfallen.
Das Bad ohne Schwelle. Die bodengleiche Dusche ist die unspektakulärste der drei Maßnahmen und zugleich die folgenreichste. Eine herkömmliche Wanne, in die man steigen muss, wird mit den Jahren zu einer Hürde, deren Höhe man unterschätzt, solange man sie nimmt — und schmerzhaft kennt, sobald die Hüfte zickt. Eine ebenerdige Dusche, gefliest bis in die Ablaufrinne, ist nicht weniger schön. Sie ist, im Gegenteil, eine ruhigere Lösung: weniger Kanten, weniger Schatten, eine Fläche, die das Bad größer wirken lässt. Der Eingriff ist baulich nicht trivial — das Gefälle muss in den Estrich, der Abfluss neu verlegt, die Abdichtung ist eine ernste Arbeit. Aber er ist einmalig. Wer ihn in den Fünfzigern oder Sechzigern macht, hat Jahrzehnte Ruhe. Wer ihn auf den Punkt verschiebt, an dem er medizinisch notwendig wird, baut unter Druck und meistens schlechter.
Die Tür ohne Anschlag. Klinken sind eine kleine Wissenschaft. Eine Rundknauftür, wie sie in vielen Altbauten noch hängt, verlangt einen Griffschluss, der eine gewisse Handkraft voraussetzt. Eine längliche, leicht abgewinkelte Klinke lässt sich mit dem Ellbogen, dem Unterarm, der flachen Hand öffnen — sie ist nicht für die Bedürfnislage einer einzelnen Lebensphase gemacht, sondern für jede Hand, die einmal voll oder unwillig oder müde ist. Dasselbe gilt für die Breite des Türrahmens. Achtzig Zentimeter, fünfundachtzig: das hilft nicht erst dem Rollator, das hilft dem Wäschekorb, dem Weihnachtsbaum, dem Koffer, der nach Lindau soll. Wer die Türen seines Flurs auf diese Breite bringt, hat einen ruhigeren Flur. Das ist die ganze Argumentation.
Lichtschalter in Hüfthöhe. Die DIN-Norm sitzt traditionell auf 105 Zentimetern, das ist Schulterhöhe, eine Konvention aus der Nachkriegszeit. Eine Schalterhöhe von 85 bis 90 Zentimetern — also dort, wo die Hand ohnehin hängt — ist ergonomisch klüger. Sie ist für ein Kind erreichbar und für jemanden, der sich an der Wand entlangstützt, zuverlässig auffindbar. Das mag wie eine Petitesse wirken; in der Praxis verändert es das Verhältnis zur Wohnung. Man muss den Arm nicht mehr heben, um die Lampe einzuschalten. Das klingt nach nichts. Wer es einmal gewohnt ist, weiß, dass es nach mehr klingt, als es tut.
Drei Maßnahmen, drei Logiken: Material, Mechanik, Höhe. Keine davon braucht eine Diagnose, um sinnvoll zu sein.
Zur Frage des Handwerkers. Hier wird es schwieriger als bei der Planung. Eine Schreinerei, die seit dreißig Jahren im selben Stadtteil arbeitet, ist in der Regel eine gute Adresse — nicht wegen einer Auszeichnung, sondern weil sie weiß, was in den Altbauten der Umgebung steckt. Drei Angebote einzuholen ist ein Ritual, das sich bewährt hat; nicht, weil das billigste zwingend das richtige wäre, sondern weil sich an der Art, wie ein Betrieb das Angebot schreibt, ablesen lässt, wie er später arbeiten wird. Ein Angebot, in dem die Positionen einzeln stehen, in dem die Anschlüsse erklärt werden, in dem ein Termin für die Vorbesichtigung selbstverständlich ist, verspricht mehr als eine Pauschalsumme auf einem A4-Blatt. Wer einen Architekten hinzunimmt, zahlt für die Koordination — und spart sich, im günstigsten Fall, die Diskussionen zwischen Elektriker, Fliesenleger und Sanitärbetrieb selbst zu führen.
Die Pflegekasse bezuschusst bestimmte Umbauten, sofern ein Pflegegrad anerkannt ist. Das ist ein Fakt, kein Versprechen, und er sollte nicht der Anlass sein, mit dem Umbau zu beginnen — sondern, wenn es passt, eine willkommene Erleichterung am Rande. Wer auf den Zuschuss baut, baut zu spät.
Und das Über-Renovieren. Es gibt eine zweite Versuchung, die mindestens so groß ist wie die, alles zu vertagen: alles auf einmal zu wollen. Eine vollständige Sanierung des Bads, eine neue Küche, eine zweite Schlafzimmertür, ein Treppenlift, den niemand braucht — das summiert sich zu einer Baustelle, die ein halbes Jahr Lebenszeit kostet und am Ende eine Wohnung hinterlässt, die nicht mehr aussieht wie die eigene. Die Wohnung, in der man bleiben will, ist die Wohnung, in der man wohnt. Drei gute Eingriffe sind besser als zehn gute Absichten. Wer den Fußboden des Wohnzimmers liebt, weil er knarzt, wenn die Sonne ins Parkett geht, sollte ihn nicht ersetzen, nur weil er nicht mehr ganz eben ist. Ebenheit ist nicht alles. Charakter auch nicht. Aber die Mischung trägt.
Die Frau in der Münchner Altbauwohnung hat die Prospekte zusammengefaltet. Sie wird die Dusche machen lassen, im Sommer, wenn sie zwei Wochen in Südtirol ist; sie wird die Klinken an drei Türen austauschen, das macht ihr Neffe an einem Wochenende; und sie wird die Schalter in der Küche neu setzen lassen, wenn der Elektriker ohnehin wegen der LED-Leuchte kommt. Es ist eine ruhige Liste. Sie steht nicht im Briefkopf einer Beratungsstelle, sondern auf einem Notizblock vom Bäcker, und sie wird in dieser Reihenfolge erledigt, weil das die Reihenfolge ist, in der das Geld und die Geduld es zulassen.
Das ist, wenn man so will, der ganze Punkt. Ein Umbau ist eine Frage der Wohnqualität, nicht der Defizitliste. Wer ihn so plant, behält die Hoheit über die Räume, in denen er lebt. Und behält, was wichtiger ist, die Hoheit über das Vokabular, mit dem er sie beschreibt.