Nr. 41 · Frühjahr 2026

Spätlese Zeitschrift für die zweite Lebenshälfte.
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≋   Reise · 10 min   ≋

Mit der Zweiten ins Voralpenland

Eine langsame Bahnreise von Augsburg nach Lindau, über Memmingen und Kempten, im Frühjahr 2026 — Notizen aus der zweiten Klasse, von Bahnsteigen, an denen niemand mehr aussteigt.

Der Zug nach Memmingen fährt in Augsburg auf Gleis sieben ab, kurz nach halb zehn, an einem Märzmorgen, an dem der Himmel jene unbestimmte Helligkeit hat, die im süddeutschen Frühjahr alles offen lässt. Im Wagen riecht es nach Kaffee aus Pappbechern, nach feuchten Mänteln, nach dem Klebstoff der Sitzpolster, der sich, wenn die Heizung anspringt, kurz daran erinnert, dass er einmal frisch war. Die Zweite Klasse ist halb gefüllt. Zwei Schülerinnen mit Kopfhörern; ein älterer Herr mit einer Faltkarte, die er auf dem ausklappbaren Tisch glättet, als wäre die Karte selbst die Reise; eine Frau mit einem Hund, der mit der Würde eines Tieres schläft, das die Strecke kennt.

Es ist die einfachste Reise, die man im Süden machen kann: Augsburg — Memmingen — Kempten — Lindau, in zwei Tagen, mit Übernachtung in einem Allgäuer Gasthof, dessen Name man erst nennen wird, wenn man wieder zu Hause ist. Sie führt durch eine Landschaft, von der man nicht sagen kann, dass sie spektakulär wäre. Sie ist es nicht. Sie ist, im besseren Sinne, gleichmäßig — eine Landschaft, die sich nicht um Aufmerksamkeit bemüht und dadurch eine gewinnt, die andere nicht haben.

Hinter Bobingen wird das Land flacher, das Lechfeld öffnet sich, dann kommt die erste der kleinen Stationen, an denen niemand mehr aussteigt. Schwabmünchen, Buchloe — Bahnsteige, auf denen die Bank seit den späten Achtzigern dasselbe Blau trägt, ein Wartehäuschen mit milchigem Glas, ein Fahrkartenautomat, der die Welt in Tarifzonen unterteilt. Die Türen öffnen sich, die Schienen klingen, die Türen schließen sich. Es ist eine Choreografie ohne Publikum, und gerade darin liegt eine eigene Würde.

In Memmingen, gegen elf, ein Aufenthalt von zweiundzwanzig Minuten. Genug, um den Bahnhof zu verlassen, in den Wind zu treten, der vom Süden kommt, einen Blick auf den Marktplatz zu werfen, ohne ihn zu erreichen, und mit jenem leisen Gefühl zurückzukehren, das nur Bahnreisende kennen: dass man eine Stadt schon betreten hat, indem man sie nicht betreten hat. Der Anschluss nach Kempten ist ein zweiteiliger Triebwagen, die Sitze in einem Grau, das früher einmal Stoff sein wollte. Hinter Memmingen führt die Strecke über die Iller. Die Brücke ist nicht spektakulär; es ist eine einfache, stählerne Konstruktion, unter der das Wasser im Frühjahr trüb und schnell läuft, kaltgrau, manchmal mit einem Schimmer ins Grüne, je nachdem, wie weit oben der Schnee schon getaut hat. Wer aus dem Fenster sieht, sieht die Iller drei Sekunden lang. In diesen drei Sekunden geschieht, was Bahnreisen tun: Die Landschaft bestätigt, dass man sich bewegt, ohne dass man dafür etwas tun muss.

Kempten am frühen Nachmittag. Hier verlässt man den Zug für die Nacht. Die Altstadt steigt vom Bahnhof in einem leichten Anstieg an, der nicht anstrengt, sondern Rhythmus gibt, und nach zwanzig Minuten Gehen — vorbei an einem Antiquariat, dessen Schaufenster die Reclam-Bändchen so sortiert hat, als bedeute die Sortierung etwas — findet sich, an der Hauptstraße, ein Café mit Holzvertäfelung und sechs Tischen. Drei davon besetzt, zwei mit älteren Damen, die ihre Mäntel über die Stuhllehnen gelegt haben, eine mit einem jüngeren Mann, der ein Buch liest und nicht aufsieht, als die Tür geht. Die Kuchenauslage ist klein und konsequent. Ein Bienenstich, ein Mohnkuchen, eine Mandeltorte, deren Oberseite mit einer dünnen Schicht Aprikosenkonfitüre überzogen ist, und ein Apfelstrudel, der mit jener leicht welligen Kruste daliegt, an der man Hausmacherware erkennt. Eine Tasse Kaffee, ein Stück von der Mandeltorte. Sie schmeckt, wie sie aussieht: nicht modern, aber genau auf der Linie zwischen dem, was eine Bäckerin im Allgäu vor vierzig Jahren gebacken hätte, und dem, was sie heute backt, wenn sie sich nicht von ihren Enkeln umstimmen lässt.

Es ist diese Halbstunde, die die Reise rechtfertigt. Nicht die Ankunft in Lindau, die noch bevorsteht. Nicht die Aussicht aus dem Hotelzimmer am See, die am nächsten Morgen kommt. Sondern dieser Nachmittag, an dem nichts zu erreichen ist, weil der nächste Zug erst in zwanzig Stunden fährt, und an dem die Mandeltorte die einzige Aufgabe ist.

Am Abend, im Gasthof am Stadtrand: ein Zimmer mit gestreifter Tapete, ein Fenster, das auf einen Hinterhof mit zwei alten Apfelbäumen geht, eine Heizung, die in der Nacht knackt. Im Restaurant nebenan Maultaschen mit Brühe, ein Viertel Trollinger, ein Tisch, an dem ein Ehepaar in den Achtzigern langsam isst und kaum spricht, ohne dass das Schweigen unangenehm wäre. Es ist das alte Schweigen langer Ehen: ausgehandelt, nicht verklemmt.

Am nächsten Morgen, im Frühnebel, der Zug nach Lindau. Die Strecke führt durch das Voralpenland, das man so nennt, weil es schon zu den Alpen schaut, ohne ihnen anzugehören. Hügel mit nassen Wiesen, einzelne Höfe, ein Reh am Waldrand, das den Zug ignoriert, als hätte es ihn schon zu oft gesehen, ein Kirchturm mit Zwiebelhaube, der für einen Moment den Eindruck macht, das Bild aus einem Bilderbuch sei sich selbst nachgegangen. Die Bahnstrecke ins Allgäu ist seit einigen Jahren elektrifiziert, das ist eine technische Tatsache; was sie nicht ändert, ist die alte Choreografie der Halte: Röthenbach, Hergatz, Schlachters — Namen, die man nur kennt, wenn man hier wohnt, und die man, wenn man sie einmal gelesen hat, eine Weile mit sich herumträgt.

Lindau, kurz vor Mittag. Der Inselbahnhof liegt unmittelbar am See, das ist eine seiner Eigentümlichkeiten — man steigt aus, und der Bodensee ist schon da, in einem Licht, das im März noch nicht recht weiß, was es sein will. Der Hafenlöwe auf seiner Säule schaut nach Süden, in Richtung der Schweizer Berge, die heute hinter einem feinen Dunst stehen. Mitte März ist die Saison noch nicht angelaufen, die Hotels haben einzelne Fenster offen, in einem Restaurant am Hafen wird ein Sonnenschirm aufgespannt und wieder eingeklappt, als probten die Wirte das Frühjahr.

Es bleiben drei Stunden bis zum Rückzug. Genug für einen Gang um die Insel, eine Bank in der Sonne, ein Glas Mineralwasser am See, ein paar Sätze mit einer Dame, die seit Jahrzehnten in Lindau lebt und erzählt, wie sich der Hafen verändert hat, ohne dass sie das als Beschwerde meint. Dann zurück zum Bahnhof, durch denselben kleinen Tunnel, der vom Bahnsteig zur Stadt führt, in einen Zug, der über Kempten und Memmingen wieder nach Augsburg fährt, in jener anderen Richtung, in der die Landschaft, die man am Vortag gesehen hat, plötzlich neu aussieht, weil sie spiegelverkehrt vorbeizieht.

Was Bahnreisen mit der Zeit machen. Es ist nicht so, dass die Zeit langsamer würde. Sie wird dichter. Eine Stunde im Zug ist nicht eine Stunde, in der weniger geschieht, sondern eine, in der das Geschehen anders verteilt ist. Die Iller, drei Sekunden lang, der Bahnsteig in Buchloe, an dem niemand aussteigt, die Mandeltorte am Nachmittag — das sind keine Ereignisse im Sinne einer To-do-Liste. Das sind Stationen einer Aufmerksamkeit, die sich an der Bewegung des Zuges entlanghängt und dabei eine eigene Form annimmt.

Wer sich an die Reise erinnert, erinnert sich, sechs Wochen später, an den älteren Herrn mit der Faltkarte, an den Hund, der die Strecke kannte, an das Schweigen des Ehepaars am Nebentisch. Nicht an die Reisezeit. Nicht an den Fahrpreis. Sondern an die Reihe der kleinen Bilder, die man nicht bestellt hat, und die deshalb, mit der Zeit, dichter werden als das, was man bestellt.

Die Zweite Klasse, am Ende, ist nicht eine Frage des Geldes. Sie ist eine Frage der Haltung. Sie sitzt zwischen den anderen, und sie sieht das, was die anderen nicht zeigen müssen, weil sie es selbst sind.


Ressort: Reise